3 Brücken
Dresdner Heide / 2014
Ein alter Forstweg, HG-Weg genannt, führt in der Dresdner Heide vom Waldrand am „Weißen Adler“ zu dem beliebten Ausflugsrestaurant „Heidemühle“. Wandert oder radelt man diese Achse entlang, so begegnet man irgendwann am Wegesrand einer grauen Holzkonstruktion. Auf den ersten Blick erschließt sie sich nicht als Kunstwerk.
Fast scheint es, als habe man hier in einem Bauvorhaben innegehalten, einen Dachstuhl zeitweilig abgesetzt oder einen besonders ambitionierten Hochstand zur Wildbeobachtung errichtet. Von Neugier verführt, legt man ein paar Schritte zum Balkengerüst zurück und erkennt, dass weder das eine noch das andere eine Lösung verspricht – handelt es sich doch um Olaf Holzapfels Arbeit „Drei Brücken“, die hier an einem frühen Novembertag des Jahres 2014 errichtet wurde. Eine Brigade von Zimmerleuten setzte den Plan des Künstlers in kurzer Zeit um und hinterließ einen Fachwerkbau, der im traditionellen Sinne metallfrei gezapft wurde und dem alten Handwerk selbst einen Auftritt verschafft. Auf einem Schild unter den Bäumen liest man: „Fachwerk ist im Wesentlichen eine auf Logik und nachvollziehbaren Kräften beruhende Bild-Technik-Sprache, die sich linear vollzieht… die Präsenz der Landschaft (ist) bereits Teil einer andauernden medialen Erfahrung… Zwischen Landschaft und Technik, besteht… ein Verhältnis des sich gegenseitig Brauchens.“
Schon lange interessiert sich Holzapfel für Holzbauweisen, nicht zum ersten Mal hat er sie in ausgesprochen kunstfernen Biotopen, also direkt in der Landschaft eingesetzt: auf einer stürmischen Hochebene in Patagonien etwa oder in einem lauschigen Wald bei Augsburg. Bei ersterer ließ er sich unter dem Titel „Housing in Amplitude“ von Bauformen transatlantischer Siedler anregen. Bei letzterem, „Wilder Mann auf Brücke“, überspannte ein horizontal ausgerichtetes Gestell einen kleinen Bach und führte mit dem „Wilden Mann“ eine ganz spezifische Formel des Fachwerkens auf. Beim Aufbau tritt der Künstler eher als Regisseur auf. Die Formen jedoch entwickelt er zuvor mit Zeichnungen und digitalen Entwürfen.
Diese Neigung zum Konstruieren und zu dessen Rationalität verrät ein biografisches Detail. Bevor Holzapfel in den 1990er Jahren sein Studium an der Dresdner Kunsthochschule aufnahm, absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Architekten. Diese Erfahrungen ließen ihn zu einem sensiblen Betrachter des gebauten Umfelds werden. Bald jedoch ließ er die Zwänge von Funktionalität hinter sich, lief zur Kunst und damit vom Zweck zur reinen Form über. Holzapfels Werke lösen das Versprechen von
Behausungen absichtsvoll nicht ein. Doch dahinter steht permanentes Nachdenken
über menschlichen Gestaltungswillen, über die Universalität des Bauens – ganz gleich
in welchem geografischen und kulturellen Kontext. Das Eigenleben des Materials spielt
in jedem Fall eine Hauptrolle, wobei seine ausgesprochene Sympathie zu kunstfernen Werkstoffen ins Auge fällt. So entstehen parallel zu Holzarbeiten in verschiedenen
Größen und Umfeldern seit einigen Jahren Bilder aus Heu und aus Stroh, die zuvor
produzierte Raumskulpturen aus Plexiglas oder simplen Pappkartons ablösten. Arbeitet er nun mit simplem Holz, so gewinnt er ihm dessen eigene, Jahrtausende alte Logik ab.
In dieser Mission reist er durch die Welt, trifft Fachleute und observiert, wie sehr Hütten, Unterstände, Häuser, ja selbst noch Industriebauten von den dort auftretenden Gehölzen und Wuchsformen geprägt sind. So erinnert sein Bau in der Dresdner Heide auch ein wenig an die Stützkonstruktionen aus dem Bergbau. Diese Ähnlichkeit kommt
nicht von ungefähr, blühte in Sachsen doch seit über 800 Jahren der untertägige Gewinn von Erzen und verhalf der Region zu Reichtum und europaweiter Bedeutung. Um die Schächte um Freiberg oder Zinnwald abzustützen, bestand von Anfang an der dringende Bedarf an Holz. Schon früh antwortete die Forstwirtschaft auf den drohenden Kahlschlag ganzer Gebiete und begriff die Kostbarkeit von nachwachsenden Ressourcen. Das stadtnahe Waldgebiet der Heide ist bis heute ein solches, planvoll angelegtes Reservoir. Auch diese Botschaft schwingt beim Anblick von „Drei Brücken“ mit. Ebenso spielt die Arbeit auf lokale Ingenieurskunst an, nicht nur auf die von hölzernen Schachtbauwerken. Derlei Konstruktionen ermöglichen zudem die Anlage von vorher so nicht existenten Räumen. Raumgewinn im realen und symbolischen Sinne ist mithin auch das Thema von Olaf Holzapfel, der erklärt: „In der Kunstwelt spielt der reale Raum keine große Rolle. Oft sind die Museumsräume interessanter als die Werke. Alles spielt sich in bestehenden Innenräumen ab.“ Insofern steckt in dem Impuls, in Natur und Landschaft zu arbeiten, auch der pionierhafte Drang, neue, unbesetzte Räume zu definieren. Sie entfalten sich erst zeichnerisch aus der Dynamik von Linien, dann
entlang des Materials und der Technologie. Mit der Hinwendung zu solchen „Techniken
des Landes“ (wie Holzapfel eine seiner jüngsten Ausstellungen nannte), schöpft er aus
dem reichen Fundus handwerklicher Methoden. Er entdeckt sie auf Dörfern in der polni-
schen Lausitz, wo er sich dicke Stränge aus Heu drehen lässt; bei Indios in Argentinien, die ihm Zelte aus den Fasern der Chaguar-Pflanze webten oder eben bei deutschen Fachwerkbauern. Und so werden die – auch vom Minimalismus des 20. Jahrhunderts angeregten, höchst zeitgemäßen Raumbilder und Skulpturen von Olaf Holzapfel gleichzeitig zu Trägern von Erkenntnis und zu Botschaftern von wertvollen Traditionen.
Text: Susanne Altmann
